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Von wo das Netz herkommt

... und wo es hin will. Auf Spurensuche im Silicon Valley. #crusa14

Story by Marcus Schwarze May 19th, 2014

San Francisco: Das GEheimnis der Cloud

Im Frühjahr 2014 reisten zwei Dutzend Journalisten aus Deutschland ins Silicon Valley, um etwas davon zu ergründen, was in dieser Zeit unsere Lebensumstände nachhaltig verändert. Dort in Kalifornien liegt die Basis der digitalen Revolution. Firmen wie Facebook, Google, Apple und Co. sind hier groß geworden. Tausende kleiner neuer Unternehmen gründen sich, scheitern, sortieren sich neu – und machen immer wieder mal einzelne Gründer zu Milliardären – beispielsweise, als das Startup WhatsApp von Facebook gekauft wurde.

Wie kaum ein anderer Landstrich verkörpert das Silicon Valley die geistige Ursuppe vieler populärer digitaler Dienste. Unweit der markanten San Francisco Bay Bridge leben 2,5 Millionen Menschen, und mehr als ein Drittel davon (37 Prozent) sind Zugereiste (foreign borns). Jährlich werden bis zu 8 Milliarden Dollar als Venture Capital investiert: Geld, das nicht selten zum Aufbau von Diensten verwendet wird, die in der Cloud funktionieren. Die Wolke ist das Symbol fürs Internet, und mit ihren Cloud-Diensten schlagen die Startups und etablierten Unternehmen Brücken zwischen den Menschen – im weltweiten Maßstab. Doch was macht die Amerikaner so erfolgreich? Was ist das Geheimnis? Zu Besuch bei einem Dutzend Startups und Arrivierten.

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Bei Matter helfen sie Ideen mit Parolen auf die Füße

Matter verkörpert im Silicon Valley anschaulich die Kultur des Ausprobierens. „Fail Forward“ wird als Inbegriff einer Vorgehensweise verstanden, Imperfektes auf den Markt zu bringen, zu fokussieren. Matter arbeitet seit 2012 als Venturecapital-Unternehmen und fördert junge Medien. Dabei werden ausgesuchte Startups einem fünfmonatigen Intensivprogramm unterworfen. In der sprichwörtlichen Garage gibt es rustikale Tische mit unbequemen Barhockern, zahllosen weißen Tafeln an der Wand und immer Parolen: Be visual, Take Photos, Tell Stories steht da über Organigrammen. Der vielleicht klarste Satz: You only fail if you don’t learn. ⦿ http://matter.vc

„We support entrepreneurs building scalable media ventures that create a more informed, connected, and empowered society.“ – Corey Ford, @coreyford
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Bei Mozilla gibt es die schönste Terrasse

Bei den Erfindern des Firefox-Browsers ist alles gediegen. In direkter Nachbarschaft zur Oakland Bay Bridge entwickelt Mozilla seinen Browser und andere Programme weiter.

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Firefox: Aushängeschild von Mozilla

Ladekabel für Apple-Computer liegen in jedem zweiten Zimmer auf dem Boden herum, pink markiert. An den Wänden hängen Glastafeln zum Aufmalen von Webseitenfunktionalitäten. Der rote Panda (Firefox) symbolisiert für viele den Aufstieg des Internets in die breite Öffentlichkeit durch den gleichnamigen Browser. Dabei ist die Mozilla Foundation eine Stiftung, die sich durch Spenden finanziert. Einer der größten Spender ist Google: Das Suchmaschinen-Unternehmen zahlt Lizenzgebühren für den Einbau der Google-Suche an prominenter Stelle im Browser. Daneben unterhält die Stiftung den E-Mail-Client Thunderbird – gemeinsam mit einer weltweiten Community. ⦿ www.mozilla.org

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Kara Swisher propagiert den Netzjournalismus

Kara Swisher hat das Online-Magazin Re/code mitbegründet, nachdem sie über Jahrzehnte fürs „Wall Street Journal“ über Digitalthemen berichtete. Im Gespräch mit Ulrike Langer betonte sie die hehren Regeln des Journalismus und erklärte, warum es wichtig ist, rauszugehen und zu recherchieren, statt am Schreibtisch zu sitzen. „Man sollte weniger über die Wege der Verbreitung nachdenken und sich statt dessen auf die Inhalte konzentrieren“, sagt sie. ⦿ recode.net

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Bei Zeega rücken sie für PopTheApp ganz eng zusammen

Mit der App PopTheApp versucht das Unternehmen Zeega, eine neue Sprache fürs Web und mobil zu etablieren. Gründer Jesse Shapins zeigte eine Remix-Anwendung für Kurzvideos, GIFs und Bilder. Dabei werden Sekundenclips miteinander verbunden und ergeben so comicähnliche Statements. Fragen nach Nutzungs- und Urheberrecht der verwendeten Clips kontert Shapins: Clips seien wie Wörter, universal verwendbar.

Was auffällt: In dem Großraumbüro arbeiten die Mitarbeiter sehr beengt beieinander, umgeben sind sie von nur wenigen verglasten Einzelzimmern. Dort wird mit zahlreichen Notizzetteln und Lackmalstiften gearbeitet. Distanz im Team dürfte zumindest körperlich hier nicht aufkommen. Zum ruhigeren Arbeiten oder Telefonieren gibt es drei verglaste Kabinen, am Arbeitsplatz selbst sind dafür Kopfhörer vorgesehen. ⦿ gopop.co

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ELITE UND ELEND leben In San Francisco eng beieinander

Kaum ein Hotel ohne WLAN, und die Zeitung vor Ort, der San Francisco Chronicle, ist auf ein eher handliches Format geschrumpft. In der Öffentlichkeit sind viele in ihr Handy vertieft. Obdachlose begegnen einem an jeder Ecke. Das Straßenbild wird auch geprägt von vielen „stummen Verkäufern“, jenen Verkaufskästen, aus denen Zeitungen durch Einwurf von einem Dollar gekauft werden können. Diese Kästen machen häufig einen heruntergekommenen Eindruck.

Im Silicon Valley leben 2,5 Millionen Menschen, 25 Prozent davon gelten als High skill professionals. 43 Prozent haben einen College-Abschluss. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen ist 40 Prozent höher als das der Haushalte USA-weit.

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Beim German Accelerator mutiert die Fabrikhalle zur Multi-Startups-dependance

Gründer aus Deutschland erhalten beim German Silicon Valley Accelerator Unterstützung in San Francisco. Wer genau ist die geplante Kundschaft? Worin liegt der Fokus des Startups? Drei Monate lang werden Firmen intensiv begleitet. Ihre ersten Schreibtische in internationalen Gefilden finden die jungen Unternehmen in einer Art Fabrikhalle, sehr improvisiert. Es gibt halt Strom, Licht, ein paar Regale und wenig Platz. Und Internet, nun mal los. Sich zurückzuziehen und sein eigenes Ding dort zu machen, fällt eher schwer. Es hilft wenig, ein Geheimnis aus seiner Geschäftsidee zu machen, sondern es befördert die Idee, sie zu teilen und Kontakte zu knüpfen. Wer hier programmiert, bringt meist sein Fahrrad in die Firma mit, denn Fahrradständer vor der Tür gibt es kaum. ⦿ germanaccelerator.com

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Bei Jimdo ist das Klingelschild ein Witz

Ein deutsches Unternehmen, das es im Silicon Valley „geschafft“ hat, ist Jimdo. Die Hamburger bieten Webseiten an und helfen kleinen Firmen und Selbständigen bei der ersten Webpräsenz. Mehr als 180 Mitarbeiter zählt das Unternehmen. Das Büro in San Francisco mit weniger als einem Dutzend Mitarbeitern ist kaum als solches zu erkennen. In einem Wohngebiet findet man nur schwer den Aufkleber am Klingelschild. Gründer Christian Springub entwickelt mit seinen Leuten von hier aus in einem Wohnhaus das Website-Baukasten-System weiter. Das einzige Festnetz-Telefon ist irgendwo im Schrank versteckt, kommuniziert wird per Computer, unter anderem mit dem, wie er sagt, „schrecklichen“ System Yammer. An einer großen schwarzen Tafel haben sie hier ihre Aufgaben auf ausgedruckten Zetteln sortiert, unterteilt in die Rubriken Next, Waiting, Doing, Done. Jeder Zettel enthält einen QR-Code, und darauf aufgepappt wird eine farbige Markierung desjenigen, der zuständig ist. Aber eigentlich regeln sie ihre Zuständigkeiten durch Miteinander-Reden, weniger durch starre Strukturen. ⦿ www.jimdo.com
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Bei Yelp werden Mitarbeiter des Monats gold gerahmt

Die Empfehlungsmaschine Yelp zeigt auf dem Handy, welche Restaurants, Bars, Hotels, Dienstleister und andere Lokalitäten in der Nähe empfehlenswert sind. Basis sind Bewertungen von Nutzern – und das tägliche Unterfangen von den Yelp-Machern besteht unter anderem darin, die negativen Bewertungen von Konkurrenten der bewerteten Lokalität herauszufiltern. Die Mitarbeiter des Monats werden hier in aufwendigen Fotos in vergoldeten Bilderrahmen gezeigt, für die kleine Unterhaltung zwischendurch warten Billard- und Krökeltisch. ⦿ www.yelp.com

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Im Googleplex versorgen 30 Restaurants 20.000 Mitarbeiter

Gut zu wissen: Notice – Googlers must wash hands before returning to code, lautet auf der Toilette eine Aufforderung bei Google. In Mountain View geht es inzwischen recht beengt zu. Nicht nur an Schreibtischen, auch zwischen den Büros wimmelt es von Plätzen, an denen der kleine Code zwischendurch möglich ist. Allgegenwärtig sind Menschen an Laptops, zumeist MacBooks, seltener an Smartphones. 30 Restaurants und Cafeterien bieten hier kostenloses Frühstück, Mittag- und Abendessen. Fitness ist dennoch möglich, dafür gibt es unter anderem Volleyballfeld und Gegenstromanlage, sieben Bodybuildingbuden, eine Kletterwand und Gemüsegärten. Auch die Wäsche kann jedermann hier waschen: Für die Mitarbeiter stehen Laundry-Rooms bereit. „Das Unternehmen muss wie eine Familie sein, die Menschen müssen sich als Teil des Unternehmens fühlen, und das Unternehmen muss wie eine Familie für die Mitarbeiter sein“, hat Google-Vorstandschef Larry Page einmal gesagt.
Einmal in der Woche ist eine Art Familienrat, fast so wie in den Anfangsjahren, als immer freitags jemand gezuckerte Donuts der seinerzeit kleinen Programmierermannschaft auf den Tresen legte. Noch heute stellen sich die Gründer Larry Page und Sergey Brin in der großen Kantine regelmäßig den Fragen ihrer Mitarbeiter. Die größte Gefahr für Google sei Google selbst, sagte Page nicht nur dort, denn bei immer größer werdenden Unternehmen wachse die Trägheit bei Entscheidungen.
Tatsächlich spürt man auf dem Gelände, wie stark das Unternehmen gewachsen ist. In den vergangenen Jahren wurden hinzugekauft:
• Motorola für 12,5 Milliarden Dollar
• Nest für 3,2 Milliarden Dollar
• Doubleklick für 3,1 Milliarden Dollar
• Youtube für 1,7 Milliarden Dollar
• Waze für 966 Millionen Dollar
• Admob für 750 Millionen Dollar
und so weiter und so fort. In Deutschland hat die Suchmaschine einen Marktanteil von 91 Prozent, an nächster Stelle rangiert Bing mit gerade einmal 4 Prozent. In den USA zählt Google 69 Prozent Marktanteil (Platz 2: Bing mit 10 Prozent, gefolgt von Yahoo mit 8 Prozent).

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Google gibt sich Familiär

Die Arbeitsräume bei Google sind nicht immer auf den ersten Blick funktionell, sondern häufig auch verspielt: In einer Art Wohnzimmer laden Sofa, Sessel, harte und weiche Stühle neben Gimmick-Schaf-Sitzen zum Herumlungern und Quatschen ein. Miteinander zu sprechen, sich zu vernetzen ist auch eine Funktion. Die Cafeterien und Restaurants bilden Mittelpunkte, nicht Unterbrechung von der Arbeit. Kommunikationsinseln sind fester Bestandteil des Unternehmens. Wenn die Mitarbeiter gar nicht mehr weg wollen, wird das gerne hingenommen.
Google Now hat unterdessen schon nach kurzer Zeit an Hand der Termine im Kalender und der persönlichen Bewegungen mit dem Handy erkannt, woran man offenbar gerade ist: 21 Minuten „bis zur Arbeit“, meldet das System auf dem Smartphone, während ich mich anderntags vom Hotel in Richtung Palo Alto bewege – und etwas später, als ich bei Google vorbereirausche, welcher Flug zur Ausreise ansteht. Das erfahre ich nicht durch Abfragen, sondern die Informationen werden von Google Now selbst als Information angeboten. Gut möglich, dass dieser Dienst so etwas wie die Lokalzeitung auf dem Mobilgerät werden könnte: ein persönlicher Service, der in der Alltagsnavigation hilft. Allein, ihm fehlen noch ein paar wesentliche Informationen, journalistische Nachrichten etwa, sofern man sie braucht, doch daran arbeiten sie.

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Bei 99Designs gibt es Gestaltung per Flatrate

99designs betreibt einen Marktplatz für die Gestaltung von Logos und Designs. Kunden beschreiben die Designaufgabe und loben ein Honorar in Höhe von beispielsweise 500 Dollar aus, anschließend erstellen Designer innerhalb von einer Woche Vorschläge. Im Schnitt erhält ein Kunde 95 Vorschläge. Das Honorar gewinnt der Designer des gewählten Designs. Das Unternehmen bekommt eine Provision, alle anderen Teilnehmer gehen leer aus. Für eine Flatrate von 19 Dollar kann man sich außerdem kleinere Designaufgaben innerhalb einer Stunde erledigen lassen. Das Modell erinnert an den Dienst Fivr, der als weltweiter Markplatz kleine digitalisierbare Aufgaben zum denkbar günstigsten Preis erledigen lässt – Globalkapitalismus pur, denn die günstigsten Designer arbeiten offensichtlich in Indien, Pakistan, Rumänien.
Ein Blick in die Katakomben zeigt bei 99Designs mehr eine Webworkerfabrik denn eine Kreativschmiede. Zur Begrüßung war ein Wettbewerb um ein Logo für die Studytour ausgeschrieben worden. ⦿ www.99designs.com

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BMW half einem kleinen nachbarn mit Lizenzen aus

Der Autohersteller BMW war schon frühzeitig in Silicon Valley. Einem kleinen Startup aus der Gegend bezahlten die Deutschen für erste Versuche am vernetzten Auto die Lizenzen für eine Spracherkennungssoftware, später sollte der Dienst, das vermeintlich kleine Google, an BMW mit einer vierfach höheren Marktkapitaliserung vorbeirauschen. Heute arbeiten die BMWler an neuen Elektroautos wie dem i3, die fast ohne Motorgeräusch und mit null Emissionen zum Statusobjekt werden. Trotz der derzeit noch geringen Reichweiten gelten die „Stromer“ als zukunftsträchtiger Markt. ⦿ www.bmwusa.com

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Waze vernetzt Autofahrer

Warum Waze in Deutschland noch nicht so recht Fuß fasst, anders als in anderen Ländern, wollte Gründer Noam Bardin von den deutschen Journalisten wissen. Der Dienst beglückt auf dem Smartphone eine Community von Autofahrern: Unterwegs können die Fahrer andere Fahrer auf der Autobahn beobachten, mit ihnen chatten und Staus, Unfälle, Umleitungsempfehlungen oder Geschwindigkeitskontrollen melden. Umgesetzt wird das mit bewusst kindlich dargestellten Symbolen in der App. Diese Echzeit-Informationen über den aktuellen Verkehr werden mittlerweile weltweit genutzt und geteilt.
Im kurzen Test im Leihwagen waren im Silicon Valley stets mehrere hundert Fahrer auf den Fahrtstrecken auffindbar. Der Dienst aus Israel wurde für 1,03 Milliarden Dollar gekauft: von Google. Dass er in Deutschland noch nicht rege genutzt wird, hat möglicherweise etwas zu tun mit der Mentalität der Deutschen und ihrem Fahrverhalten, aber auch mit dem Ausbau des hiesigen Mobilfunknetzes – und der Sorge, beobachtet zu werden. ⦿ www.waze.com

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Bei LinkedIn hat der digitale Kontakt im besten Fall analoge Folgen

Twitter ist vor allem für Journalisten hilfreich, Facebook für die ältere Familie, WhatsApp für Jüngere, LinkedIn für Manager und Professionals: Dieses Bild ergibt sich nach einem Besuch bei dem Kontaktnetzwerk. Kühle und Distanz, weniger Verspieltheit kennzeichnen das Unternehmen. Das Netzwerk hebt stark die beruflichen Interessen und Karrieremöglichkeiten hervor – und lebt davon, dass sich Teilnehmer zunächst einmal wichtiger fühlen, wenn sie von anderen vermeintlich wichtigen in der Branche angeklickt wurden. Im Bild: Lutz Finger, Head of Data, der Mann (aus Deutschland), der Big Data in eine User Story verwandelt; auf Deutsch: Es geht darum, aus den preisgegebenen Informationen der Nutzer und ihres Verhaltens gegenseitige Belohnungen zu gewinnen – die im besten Fall aus digitalen Kontakten wieder analoge Folgen produzieren. ⦿ www.linkedin.com

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Über Stanford weht die Luft der Freiheit

An der Stanford University gibt es viel mehr als freies WLAN. Die Hochschule ist eine der reichsten der Welt und gilt als entscheidender Wachstumsfaktor der Region. Gründer von Google, Hewlett-Packard und Cisco haben hier gelernt und später teilweise mit eigenen Gebäuden auf dem Gelände dafür gedankt. Ein Drittel der Studenten kann hier ohne Gebühren studieren. „Die Luft der Freiheit weht“, steht hier als Leitspruch in deutscher Sprache prominent. Auf acht Studenten kommt ein Lehrer. Über einen eigenen Fonds, der von Studenten gegründet wurde, beteiligt sich die Universität selbst an Startup-Unternehmen ihrer Absolventen. ⦿ www.stanford.edu
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Facebook versucht sich am Paper des 21. Jahrhunderts

Gravierend gewandelt hat sich Facebook seit meinem letztem Besuch vor sechs Jahren. Auf einem neuen Firmengelände hat das Unternehmen eine Straße nach Art der amerikanischen High Street erschaffen, an deren Seiten sich Restaurants, Cafés und Eisdielen befinden. Autos werden diese Straßen kaum befahren. Diese zentrale Route dient als Ansammlung von Kommunikationsmöglichkeiten. Ironischerweise finden sich immer wieder rote stumme Verkäufer (Verkaufsboxen für Zeitungen) vor den Gebäuden, darin stapeln sich echte Zeitungen auf Papier. In einem Analog Research Lab wird an der Verknüpfung der alten analogen Welt mit der digitalen geforscht.
Trotz des riesigen Erfolgs im Digitalen strahlt Facebook eine gewisse Unsicherheit aus; so schnell und stark wie das Unternehmen gewachsen ist, so schnell könnte es auch durch neue Dienste hinweggefegt werden. Mit ausgedruckten Leitsprüchen versucht man, Orientierung zu geben:

No Company can be all things to all people and still win.

“Trust”, Vertrauen, taucht als zentraler Begriff immer wieder in den Präsentationen des Unternehmens auf – auch in einer bemerkenswerten Installation auf dem Weg zum Konferenzraum: Fäden spinnen um ausgeklügelt eingehämmerte Nägel auf einer Wand die Buchstaben dieses Begriffs. Gerne erzählt wird eine Geschichte um eine Familie von Füchsen, die sich auf dem Neubau heimisch machte. Es geht wohl auch ein wenig darum, Legenden zu schmieden, das Unerzählbare und Unfotografierbare von Facebook in Bilder zu verwandeln. Die IT arbeitet derweil in einem Nebengebäude unscheinbar abseits und dient hier sichtbar nur als Reparaturschmiede für ein Problem mit dem Macbook – kaum zu ersehen ist, welche Petabytes an Daten von Serverfarmen im Hintergrund gewartet werden.

Eines der jüngsten Produkte soll den Erfolg des wichtigsten sozialen Medium des 19. und 20. Jahrhunderts, das Papier, in das 21. Jahrhundert befördern: eine Anwendung fürs Smartphone. Auf ihr erleben die Nutzer und Leser den persönlichen Facebook-Stream in nochmals erneuerter Manier. Eine handtellergroße App ist auf den Radius des Daumens eines Rechtshänders optimiert, lädt ständig durch Platzierung der weiterführenden Navigation zum Noch-Mehr-Lesen und Noch-mehr-Erleben ein. Die Facebook-Macher nennen das unchalant-naiv, aber zielführend: Paper.

Ob es erfolgreich sein wird, steht auf einem anderen Blatt – oder in einer anderen App. ⦿ facebook.com

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Bei PlugAndPlay treffen sich Geld- und Ideengeber

Es riecht nacht harter gedanklicher Arbeit bei PlugAndPlay. Im Großraumbüro bilden zahlreiche spanische Wände einzelne abgezäunte Räume, dahinter dominieren abgewetzte Bürostühle, manchmal nur selten gesäuberte Schreibtische, Pin-Tafeln an den Wänden. Hier tagen ad hoc über wenige Stunden, manchmal auch ein paar Tage, die Investoren mit den Startups. An den Wänden werden die Erfolgreichen mit Logos gezeigt, Logitech, Paypal, Google.

Wie Kermit, der Frosch, springt zur Begrüßung Robin Haak aus der Deckung: Der Mann von Springer, Sohn eines Verlegers aus Hannover, ruft den ankommenden deutschen Journalisten was über den Spirit des Valleys entgegen, stratzt auf die Treppe über dem Foyer, macht ein schnelles Gruppenbild mit dem Handy von oben, ruft: „Smile! Smile! Okay, thank you! Wir sehen uns später!“ Und ab. ⦿ www.plugandplaytechcenter.com

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Die Villa von Axel Springer hilft beim Netzwerken

In einem Wohnviertel von San Francisco hat der Axel-Springer-Verlag eine Villa angemietet, die Kosten betragen angeblich: 1 Million Dollar. Hier treffen sich die Manager mit Leuten der Startups zum Barbecue. Bei den Grillpartys im Garten trifft man Leute von Ozy. Im Gespräch offenbaren sie durchaus bekannte Vorhaben für ihre Website: Die wichtigsten Themen! Eine tägliche Auswahl! Eigene Recherche! Im Grunde: Journalismus. Nur eben mit einer besonders hilfreichen Klick- und Antipp-Navigation auf der Website und in der App. Es geht um UX, um User Experience Design: Wie müssen wir Inhalte aufbereiten, um sie in der neuen Leserschaft auf dem Smartphone und dem Tablet gewinnbringend zu vermarkten? Ein paar Tage später wird eine finanzielle Beteiligung von Springer an Ozy bekannt.

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Bei Twitter schürfen sie in Echtzeit an Nachrichten

Big Data über News stehen bei Twitter im Fokus. Aus der Vielzahl an Tweets weltweit ein gewinnbringendes Modell zu entwickeln, gilt als Hauptaufgabe. Gelingen dürfte das nur mit Hilfe etablierter Medienmarken. Auf die setzen die Macher immens: Vorgeführt werden Redaktionen, die besonders stark auf dem Nachrichtenkanal mit Accounts ihrer Mitarbeiter präsent sind. Bild, SZ, Spiegel und Zeit gehören aus Deutschland dazu, einmal wird auch die Rhein-Zeitung genannt. Im Hintergrund arbeitet Twitter an einer Professionalisierung der Werkzeuge: Methoden zum Auswerten von Twitter-Veröffentlichungen in Echtzeit. Bei diesem Data-Mining erhalten teilnehmende Redaktionen und Partner schneller als andere Teilnehmer von Twitter übersichtliche Zusammenstellungen gehäufter Tweets zu einem Thema – und können so schneller reagieren und besser berichten. Twitter ersetzt nicht die Nachrichtenagenturen, hilft aber bei richtig eingesteller Followschaft, breaking news schneller zu erhalten – aus einer bestimmten Region, zu einem bestimmten Thema, von besser einschätzbaren Quellen. Ein neues Design ist hier im Hausnetz schon in der Präsentation für Besucher sichtbar, zwei Wochen später geht es online. ⦿ www.twitter.com

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Circa reklamiert für sich die Neuerfindung der News

“No company in news is more ready to address consumers’ move to mobile where reading behavior is dramatically different. We have developed an innovative news production process (…) which opens the opportunity to license.”

Atomisieren, nicht zusammenfassen: Bei dem Startup Circa wird eine Story, die Geschichte, die Leser finden sollen, in ihre Einzelelemente zerlegt: die Fakten, Statistiken, Zitate, Medien. Das ist etwas Anderes als die Zusammenfassung, die Inhalte weglässt, um die Story schneller lesen zu können. Es geht darum, die Nachrichtenwelt und ihre Lesemechanismen neu zu erfinden. In Absätze und kleinteilige Informationen zerlegt, ergeben sich aus Sicht der Circa-Macher neue Möglichkeiten des Teilens von Inhalten und gegenseitiger Bezüge. Noch Wochen später bekommt man plötzlich in der Circa-App auf dem Smartphone einen Hinweis auf einen neuen Aspekt, der zu einem zuvor abonnierten Themen-Atom wichtig scheint. In ihrem Großraumbüro simulieren die Macher einen Newsroom: Wo eigentlich nur programmiert wird, hängen an einer zentralen Wand eine Uhr mit Zeiten – nicht aus Berlin, Washington und Peking, sondern aus Orten wie Hill Valley, Rapture, Somewhere. ⦿ cir.ca

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Soundcloud macht's wie Youtube, nur ohne Video

Was Youtube für Videos darstellt, gelingt den Machern von Soundcloud für Tondateien. Es ist noch einmal die sprichwörtliche Garage, in der Soundcloud in Kalifornien arbeitet. Der Dienst aus Deutschland bietet das Heraufladen von Sounddateien an. Sie lassen sich bequem in die eigene Webseite einbetten. Über ein System gegenseitiger Likes und Followings entsteht ein weiteres Ökosystem ganz ähnlich wie bei Youtube. Im Büro in Kalifornien dominiert eine Tischtennisplatte im Großraumbüro, eine Etage darüber wird schon mal auf der Dachterasse getagt. Angeblich erwog eine Zeitlang Twitter, den Dienst zu übernehmen, der bereits bei vielen Medien im Einsatz ist, etwa sehr intensiv beim SWR in Deutschland. ⦿ soundcloud.com

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Die Hitfox Group will aus Big Data Gold schürfen

Es wird eng bei der ⦿ Hitfox Group. Das Büro in San Francisco ist nicht mehr als eine Wohnung in einem Hochhaus, in der auf den ersten Blick zwei Handvoll Menschen an Laptops arbeiten. Als Präsentationsraum fungiert ein Schlafzimmer mit besonders großem Fernseher. Ursprünglich stammt das Unternehmen aus Berlin. Vermarktet werden, unter anderem über das Unternehmen ⦿ AppLift, Spiele fürs Smartphone. Dazu wurden nach eigenen Angaben bereits mehr als 2000 Medienpartner gewonnen. Bei jedem installierten Spiel auf dem Handy verdienen die beteiligten Medien mit. AppLift ist aber nur das eine Startup der Gruppe. Die Unternehmensgründer bekommen feuchte Augen, wenn sie den Begriff Big Data als Basis ihrer weiteren Pläne erwähnen und von weiteren Startups berichten: Durch geschicktes Auswerten riesiger Datenmengen wollen sie dabei helfen, Börsenkurse genauer vorherzusagen, die Kreditwürdigkeit von Menschen anhand ihrer Social-Media-Aktivitäten besser einzuschätzen und den optimalen Standort von Ladengeschäften anhand der Auswertung von Mobilfunkdaten von Passanten zu bestimmen. San Francisco bezeichnen sie als

Swinger-Club für Business – jeder macht’s mit jedem
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LinkedIn-Mitbegründer Guericke mischt bei neuen Startups mit

Den Mitbegründer von LinkedIn traf ich bei einem Spaziergang über den “Dish” in Palo Alto. Das ist eine Hügellandschaft unweit der Stanford Universität, von der sich ein weiter Blick aufs Silicon Valley ergibt. Konstantin Guericke unterrichtet nach seinem Ausstieg bei LinkedIn an der Universität und hat dort weiterhin viel Kontakt zu Studierenden, die Startups gründen. In diesen Hügeln in Palo Alto wurden bei kurzen Wanderungen schon viele Startup-Pläne besprochen. Zufällig treffen wir James Hong: Er hat vor ein paar Jahren die Site ⦿ HotOrNot miterfunden, ein Dating-Portal. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kopierte die Idee der Site – und begründete damit Facebook.

So unter (mutmaßlichen) Millionären tausch man sich dann auf dem Hügel locker aus: unter anderem über gemeinsame Bekannte, die soeben wieder „frei“ sind und bereit sein könnte für neue Vorhaben: “He’s looking for something new.” Erst einmal hat Hong aber eine App entwickelt, mit der Youtube-Inhalte kindgerecht für seinen Nachwuchs aufbereitet werden. Und Guericke steigt ebenfalls wieder ein, bewertet Geschäftsideen und Geschäftspartner – am liebsten bei einer gemeinsamen Wanderung über die Hügel von Palo Alto.

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San Francisco: Hauptstadt der Vernetzten

In dieser Stadt können es sich die wenigsten leisten, zu leben. Den traumhaften Buchten und Brücken stehen hohe Lebenshaltungskosten und stets die Gefahr des Scheiterns gegenüber. Das mobile Web als gewinnbringender, immens großer Markt, wird nicht weniger groß als die Menschheit, es ist hier schon allgegenwärtig. Noch ist Zeit: Wenige Kilometer außerhalb der Zentren gibt es auch in Kalifornien kaum Empfang für schnelles Internet und die coolen neuen Dienste. Doch lauert schon einen Block weiter oder fünf Zeitzonen entfernt die Konkurrenz beim Erschließen neuer medialer Bedürfnisse für die Bestvernetzten. Welche Dienste das sind, erfinden die sogenannten High Potentials, die Misfits und die Verrückten im Silicon Valley zuzeit durch Austesten und Überschreiten von Grenzen. In der Welt-Hauptstadt der Vernetzten findet sich für jede mit Verve vorgetragene und mit Herzblut angefangene Idee ein Zuhörer:

Here‘s to the crazy ones, the misfits, the rebels, the troublemakers, the round pegs in the square holes. the ones who see things differently — they’re not fond of rules. You can quote them, disagree with them, glorify or vilify them, but the only thing you can’t do is ignore them because they change things. they push the human race forward, and while some may see them as the crazy ones, we see genius, because the ones who are crazy enough to think that they can change the world, are the ones who do.

Auch nach so einer, für manchen zum Kopfsenken verpflichtenden Einschätzung des verstorbenen Apple-Chefs Steve Jobs geht es um knallharten Business. Über dem Nährboden von anfangs krude erscheinenden Ideen klatscht jemand die Rückenhand auf den Tresen und fragt: Wie wollt ihr je mit eurem Quatsch schwarze Zahlen schreiben? Eine Idee für eine digitale Anwendung zu verwirklichen, stößt hier auf zwar auf ein denkbar offenes Umfeld; gelöst wird das aber nur mit der Hilfe der Vielen. Sich gegenseitig zu vernetzen, gehört daher zum Alltag – auf Barbecues, Parties, in Ad-Hoc-Büros, an digitalen Orten. Und dann sagt jemand: Probieren wir es aus, ich kenne da jemanden für ein Modul, für ein Design, für 100.000 oder eine halbe Million Investition.

Dieser Gedanke des Networking, der dem Internet innewohnt, ist vermutlich deshalb so ausgeprägt in dieser Stadt San Francisco. Hier hat er die längste Tradition. Am Ende spannt ein dünnes Netz aus vielen kleinen Seilen, Fäden, Fasern eine stärkere Brücke zwischen den Menschen des erhofften Fortschritts als ein Verbund weniger fetter Stahlriemen aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Von Marcus Schwarze, Redakteur Rhein-Zeitung

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Footnote: Alle Fotos © Marcus Schwarze 2014, Redaktion Rhein-Zeitung. Kontakt: http://msc.rhein-zeitung.de, msc@rhein-zeitung.de
Rhein-Zeitung/Mittelrhein Verlag GmbH, August-Horch-Straße, Koblenz, Deutschland